Lemberg (Lviv, Lwow, Lwiw)
Das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Westukraine hat schon viele Namen getragen, die die bewegte Geschichte Galiziens wiederspiegeln. Die Ursprünge der Stadt gehen auf eine Burg zurück, die der ruthenische Fürst Danylo Romanovyc in der Mitte des 13. Jahrhunderts auf dem nahegelegenen Schlossberg errichtete. Vom Schlossberg aus hat man heute nicht nur einen herrlichen Panoramablick über die Dächer der galizischen Metropole, sondern findet auch noch Reste aus der Anfangszeit der Stadt. Die Ansiedlung unten am Ufer der Poltwa wurde nach dessen Sohn Lev (Löwe) Lwow benannt. Folgerichtig findet sich der König der Tiere im Wappen der Stadt, und auch beim Schlendern durch ihre Gassen begegnet er einem dieses tierische Symbol immer wieder in Form steinerner Skulpturen. Die Ansiedlung am Schnittpunkt bedeutender Handelsrouten weckte von Anfang an den Appetit benachbarter Herrscherhäuser. Nachdem eine polnische Invasion Anfang des 14. Jahrhunderts abgewehrt werden konnte, holten sich die polnischen Herrscher Unterstützung bei den Ungarn und nahmen die Stadt 1349 ein. Die Folgen für die Stadt waren so schlecht nicht. Nachdem Kazimierz III. seiner jüngsten Eroberung 1356 die Stadtrechte verliehen hatte, entwickelte sich Lviv auch unter dem Einfluss der Hanse im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit zu einem bedeutenden und multiethnischen Handelsplatz. Neben polnischen und ruthenischen (ukrainischen) Einwohnern waren es insbesondere Deutsche, Juden und Armenier, die das frühe Erscheinungsbild der Stadt prägten. Als Lviv, inzwischen Bischofssitz der orthodoxen wie der katholischen Kirche, im Zuge der ersten polnischen Teilung an Österreich fiel, erlebte die nunmehr Lemberg genannte Stadt eine neue kulturelle Blüte, von der bis heute viele erhaltene Bauwerke Zeugnis ablegen. Lemberg avancierte zur viertgrößten Stadt der k.u.k.-Monarchie und wurde Hauptstadt des neugeschaffenen Königreichs Galizien und Lodomerien. Im Glanz der neu geschaffenen Königsstadt lebte übrigens ab 1808 gute zehn Jahre lang der erst nach dem Tod seines Vaters geborene Sohn von Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Xaver. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Hauslehrer beim Grafen Baworowsky, daneben fand er aber genügend Zeit, mehrere heute relativ unbekannte Sonaten und Konzerte zu komponieren. Hundert Jahre erlebte die inzwischen wieder polnische Stadt Phase erst westukrainischer, dann gesamtukrainischer nationaler Unabhängigkeit in der Zwischenkriegszeit, die aber nicht lange währte. 1939 wurde sie von der Sowjetunion und schon zwei Jahre später von den Deutschen okkupiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam sie unter sowjetische Herrschaft und es scheint, als ob damit das Maß für die Einwohner Lvivs und der Westukraine insgesamt endgültig voll war. Alle Versuche Moskaus, die Westukraine zu einer friedlichen und angepassten Provinz zu machen, schlugen fehl. Die Westukrainer weigerten sich, russisch zu sprechen und behielten ihre Traditionen bei. Auch seit der ukrainischen Unabhängigkeit 1991 gehen von der Region Galizien und ihrer Hauptstadt Lemberg immer wieder Autonomiebestrebungen aus. Die traditionell oppositionelle Haltung der Lemberger richtet sich nun gegen die prorussische Ostukraine, der die politische Elite des gemeinsamen Staats im Großen und Ganzen entstammt. So kam es etwa im berühmten Cisarska Kava, dem ehemaligen Kaisercafé, zu einer Prüglei zwischen angeheiterten Gästen, von denen die eine Hälfte russisch, die andere ukrainisch sprach, und an deren Folgen der bekannte ukrainische Liedermacher Igor Bilozir starb. Inzwischen haben die Handfestigkeit der Feindseligkeiten stark abgenommen und die Lemberger widmen sich wieder ihren Lieblingsbeschäftigungen. Vor allem Studenten der 1784 von Joseph II. gegründeten ältesten ukrainischen Universität, die heute unter anderem im ehemaligen galizischen Parlamentsgebäude untergebracht ist, unterstützen die oppositionelle Bewegung "Ukraine ohne Kutschma", in deren Reihen eine Abspaltung Galziens von der Ukraine ein beliebtes Diskussionsthema ist.
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